...eine Seefahrt, die ist schön.

Das Boot

21.07.2016 | 13:03

Ich sitze immer noch auf dem Segelboot in der Bay of Islands.
Vor drei Tagen haben wir Opotiki verlassen, was sich schon mal richtig gut anfühlt.
Die immerhin 7-Stündige Fahrt gestaltete sich recht unspektakulär.
Wir machten am ersten Tag Halt in Tauranga, spazierten auf dem Mount Maunganui, den ich bei meinem ersten Besuch in Tauranga verpasste hatte, und besuchten einen Bekannten von Léa, der großzügiger Weise ihr einen Schlafplatz bei sich anbot, aber keinem weiteren Begleiter.
Gestern kamen wir letztlich in Russell, dem Ort, an dessen Hafen das Boot ankert, an.
Dort trafen wir Bill, einen Freund von Léa.
Bill ist ein 80 Jahre alter Künstler, ein Freund Hundertwassers, der, nachdem sich seine Frau in diesem Jahr hat von ihm scheiden lassen und die Hälfte des von ihm erdachten und gebauten Hauses erhielt, sich ein Boot gekauft hat und dieses nun auf Vordermann bringt.
Er ist ein alter Segler, wie man sich einen alten Segler vorstellt.
Er ist recht groß, hat einen weißen buschigen Bart und hat, obwohl er die meiste Zeit seines Lebens auf dem Wasser verbracht hat, einen recht trockenen Humor.
Er besitzt noch zwei weitere Boote, die er selbst gebaut hat, und mit welchen er die Welt umsegelte, doch die wären zu klein um darauf zu leben, meinte er.
Und in der Tat ist dieses Boot hier groß.
Unser Schlafraum achtern ist tatsächlich deutlich größer, als unser Schlafraum in der Wohnung in Opotiki. Die Kajüte ist ebenfalls mehr als großzügig und es gibt zwei „Bäder“.
Den gestrigen ersten Abend auf dem Boot verbrachten wir gediegen unter Deck und lauschten den Geschichten des alten Mannes, der schon viel von der Welt gesehen hat.
Die erste Nacht auf dem Boot war eher so mittel, denn ein Manko gibt es.
Es trägt den Namen Smokey und ist eine Katze.
Unglücklicher Weise ist auf diesem Boot alles voll mit Katzenhaaren, was tagsüber kein Drama ist, da ich mich da auf Deck aufhalten kann, doch Abends ist es so kalt, dass wir uns zwangsläufig in der Katzenhöhle aufhalten müssen.
Manchmal ärgere ich mich schon, dass mein Organismus sämtlich Krankheiten gesammelt hat, die 1987 verteilt wurden, auf der anderen Seite werde ich das schon irgendwie überleben und hab verdammt noch mal die nächsten Tage die Gelegenheit in Neuseeland zu segeln!
Und Bill ist richtig alte Schule.
Will man an Land, muss man 20 Minuten rudern einplanen, denn von Motoren hält er nichts, er selbst wirkt schon recht alt, ist aber mit seinen 80 Jahren ungeheuer agil und klettert überall hin, wo er am Boot was machen muss.
Russell selbst ist ein sehr ruhiger Ort, es sieht alles sehr schnieke aus, aber das ist auch das Problem: es ist ein Ort mit netter Atmosphäre und nur wenigen Menschen, gelegen an einer wirklich großartigen Stelle, da Russell von drei Seiten mit Meer umgeben ist, das ist aber auch das Problem.
Wohlhabende Menschen, entdeckten diesen Ort für sich, bauen dort ihre Luxusbuden und machen aus dem sympathischen Dörfchen ein Schickimickikaff.

21.07.2016 | 22:28

Ich sitze im Bett und erfreue mich daran, noch einen coolen Tag gehabt zu haben.
Wir haben Bills Lieblingsboot, mit dem er durch die Welt gesegelt ist, von einem recht weit entfernten Ort bis zu dem Boot geschippert, auf welchem wir uns befinden.
War ich mit Ivo und Ivos Familie vor grob einem Jahr noch High-Tech-Segeln, mit Navigationsprogrammen, einem Motor und allerlei lustigen Instrumenten (mit denen man aber nur bedingt Musik machen konnte), war die heutige Segelerfahrung ganz anders.
Der Wind und das Boot nahmen sich alle Zeit der Welt um von der Stelle zu kommen und manöwrierfähig zu werden, das Segel und die Umgebung wurden scharf beobachtet um daraus zu lesen, wie man das Boot in die beste Position bringen könnte.
Das Boot selbst, „Nimbus“, ist wunderschön, Bill hat es in den 70ern aus Kauriholz gebaut und von innen hat es den Charme von alten Piratenschiffen, die ich nur aus Filmen kenne, nur kleiner.
Alles wurde aus dunklem Holz gebaut, was mittlerweile nicht mehr neu aussah.
Es gibt kein Steuerrad, sondern nur das Ruder an sich. Ein sehr interessantes Gefühl, solch ein doch recht großes Boot, so direkt zu steuern.
In unserer Bucht angekommen, hatte die Dunkelheit bereits über das Licht gesiegt.
Als wir das Tau des Beibootes ein wenig im Wasser bewegten, vernahmen wir plötzlich einen Lichtschein, welcher nach der Bewegung direkt wieder verschwand.
Optische Täuschung? Reflexion?
Das war einfach herauszukriegen: Wir rüttelten noch mal kräftig im Tau und da war es wieder, wunderschöne Lichtimpulse taten sich bei jeder Bewegung im Wasser auf.
So sieht also fluoreszierendes Plankton aus.
Mal sehen, ob ich das morgen irgendwie fotografiert bekomme.
Wie auch immer, ich geh jetzt ein paar Schäfchen zählen.
Wenn ihr diesen Beitrag nicht lesen könnt, bin ich diese Nacht dank meiner Katzenallergie gestorben 😉

26.07.2016 | 21:13

Ich sitze im Flugzeug Richtung Australien.
Die Düsen rauschen, es wackelt ein wenig.
Draußen ist es dunkel.
Die Passagiere sind größtenteils vertieft in das Multimediaprogramm, welches China Airlines bietet.
Auch ich habe mich daran versucht und eine halbe Stunde lang „Birdman“ geschaut, was mir ein recht interessanter Film zu sein scheint.
Über die schlechte Bildqualität hier im Flugzeug könnte ich ja noch hinwegsehen, der Ton ist jedoch so miserabel, dass ich dann doch abgebrochen habe.
Ich trinke mein zweites Bier.
Die Bierpreise in Neuseeland sind bekanntlich so teuer, dass es ein Frevel wäre, hier im Flugzeug kein Bier zu trinken.
Mein Bier ist eine Dose „Sapporo Hokkaido Gold“.
Das „Gold“ steht sicher nicht für die Qualitätsklasse des Bieres, aber die Dose an sich ist recht Gülden.
Das Bier hätte neben den goldenen Kiwis auch super in meinen letzten Beitrag „Ecstasy of Gold“ gepasst.
Léa sitzt neben mir und beschwert sich, dass ich nun schreibe, obwohl ich sie nach meinem ersten Bier die ganze Zeit zugeschwafelt habe, während sie die Neuverfilmung des Dschungelbuchs schauen wollte.
Nun ist sie redselig, ich aber schreibe diese Zeilen.
Sie revanchiert sich damit, dass sie mich mit ihrem Finger belästigt und ihn mir andauernd in mein Gesicht steckt.
Puhhhh.
Naja, vielleicht kommt sie ja nicht durch den Zoll 😉

Cool, soeben habe ich habe ich Léas Bierdose umgeworfen, worauf sie sich lauthals beschwerte, dann habe ich meine Bierdose umgeworfen.
Sie fiel auf meine Tastatur, eine Pfütze Sapporo machte sich über meine Pfeiltasten breit.
Zum Glück war nicht mehr so viel drin.
Meine Tastatur scheint jedenfalls widerstandsfähig zu sein.
Hmmm, kommen wir nun aber zu den letzten Tagen.
Wieder muss ich eine Weile überlegen, was überhaupt passierte.
Am besten, ich lese mir noch mal meine vorherigen Artikel durch.

Ach genau!

Des nächsten Tages auf dem Boot machten wir uns mit Bill zum Wandern auf.
Wir ruderten an Land, fuhren mit seinem 1990 in Lindau gekauften Volkswagen zur Fähre und spazierte laaaaaange zu einem Laden, der 4 Zweihundert Dollar teure Schrauben für Bill parat hatte, die er für die Reparatur seines Bootes benötigte.
Nach ca. 4 Stunden ging es zurück.
Bill ruderte zurück zum Boot und Léa und ich suchten derweil einen Platz zum Kochen, da wir komplett ausgehungert waren, sowie eine Möglichkeit zum Duschen.
Als wir zum Bootsclub zurückkehrten, von dem man bei normalen Wetterbedingungen eine knappe halbe Stunde bis zum Boot rudert, war es komplett dunkel, regnerisch und stürmisch.
Es wäre glatter Selbstmord gewesen, bei diesen widrigen Bedingungen das Ruderboot klarzumachen um gen Segelboot zu rudern.

Léa und ich machten das Ruderboot klar und starteten in Richtung des Seglers zu rudern.
Am Bootsclub war noch alles schick, als wir dann jedoch in die etwas offenere See kamen, peitschten uns Wind und Regen um die Ohren, das Boot schwankte, die Wellen schlugen an die Seiten und die Orientierung war eine grobe Interpretation möglich existierender Lichter, die sich in weiter Ferne um uns herum befanden.
Wahnsinnig aufregend war das, die Atmosphäre, dass alle Menschen bereits schliefen, nur die raue Natur jedoch lebt, war sagenhaft.

Und glücklicher sowie erstaunlicher Weise, schafften wir es nach ca. einer Stunde zu Bills Segler.

Wir öffneten eine Flasche selbstgemachten Cider, welcher sich seemannstypisch in einer Buddel Rum befand und lauschten bis tief in die Nacht den Geschichten Bills, auch ein paar Tautricks brachte uns der alte Skipper bei.

Am nächsten Tag schliefen wir lang, halfen Bill bei einigen Computerproblemen und begaben uns am Nachmittag an Land, um ein wenig Wifiarbeit vollbringen zu können.

Wir fanden genau ein Restaurant, welches Wifi anbot.
Es war wohl das teuerste und edelste Hotelrestaurant des Dorfes.

Alles Menschen waren prachtvoll gekleidet, die Tischdecken waren makellos weiß, die Tische an sich vorgedeckt mit netten Gestecken und Weingläsern, ein offener Kamin unterstrich die edle Atmosphäre.
Und dann kamen wir, zwei Backpacker, in Funktionsklamotten, in meinem Falle sehr dreckig aussehend, fragend nach Wifi.
Wir fühlten uns richtig Wohl.
Ich bestellte zwei Craft-Biere, die so viel kosteten wie ein Essen im Zest, wir begaben uns an den Kamin, ich zog meine Regenjacke und meine Regenhose aus und los ging es, das fröhliche Wifi-Arbeiten.

Nach vollbrachter Arbeit ging es zurück zum Bootsclub, wo unser Ruderboot bereits auf uns wartete, wieder war es bereits stockduster, doch der Regen und Wind, die den ganzen Tag dominiert hatten, waren bereits vergangen.
Wieder war es ungeheuer interessant sich mit dem kleinen Paddelboot auf der großen See zu befinden.
Wir hatten kaum Wellengang, alles war ruhig und friedlich.

Tags darauf mussten wir Bill schließlich verlassen, denn wir mussten pünktlich nach Auckland zurückkehren um unseren Flug nach Australien zu kriegen.
Das war nicht einfach.
Bill ist ein so netter angenehmer Mensch, dass es fast schon wehtut.
Man muss ihn einfach liebhaben.

Und seine Geschichte zu kennen, macht es auch nicht einfacher.

Seine Frau trennte sich von ihm vor ca. einem Jahr.
Ihr standen damit die Hälfte des gemeinsamen Vermögens zu.

Was im Gesetzt verankert, sachlich gesehen nicht  so verkehrt ist, ist in Bills Beispiel eine traurige Sache.
Abgesehen davon, dass er im hohen Alter, aus welchen Gründen auch immer, seine Frau verlor, musste er auch sein Haus verkaufen.
Dieses Haus, war jedoch nicht irgendein Haus.
Es war sein künstlerisches Lebenswerk.
Er hat es selbst gebaut, strukturell war es einem Schiff nachempfunden.
Wenn er darüber sprach, begann die Stimme dieses sonst stets gut gelaunten und Lebensfrohen Mannes zu zittern, ein kleines Indiz dafür, wie es ihn zu schmerzen scheint.
Offensichtlich floh er auf die See, seine letzte Städte.

Er arbeitet tagtäglich an dem Boot, ist sehr stur, wenn man ihm helfen will und ist selbstreflektiert genug, um seine Situation einzuschätzen.
Er meinte, es sei komisch, alt zu werden.
Der Geist ist der „alte“, man versucht weiterhin all die Dinge zu machen, die man in der Vergangenheit machte, jedoch ist das nicht mehr so möglich und es ist ungeheuer hart, das zu akzeptieren.
Sein Boot ist alles andere als barrierefrei.

Allein des Entern des Bootes via Beiboot ist ein Kraftakt ob der Höhe des Seglers.
Doch Bill macht alles solang es noch geht.
Der Mann, der mehr Katzenfutter an Bord hat, als Nahrung für sich selbst.

Wir verließen ihn also. Ein trauriger Abschied.
Aber ein ein epischer Moment, denn als Abschiedsfoto machte er das allerste Smartphonefoto seines Lebens.
Und nachdem man ihm einige Sache erklärte, beherrschte er die „neue Technik“ richtig gut.
Generell ist Bill ein sehr gut aufgeklärter und gebildeter Mensch.
Während Léa schlief, unterhielten wir uns Stunden über den Kapitalismus, die Theorien von Marx und Engels, über die zeitgenössische Politik, sei es USA oder EU, es waren spannende Gespräche.

Ich hoffe, er wird seine Freude finden, auf seinem Boot, er ist eine der interessantesten Persönlichkeiten, die ich in Neuseeland traf.

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