So ne art Stonehenge aus Palmen.

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29.07.2016 | 12:12

Ich sitze im Zug Richtung Innenstadt von Brisbane.

Was im Flugzeug alles passierte, wisst ihr ja schon.
Am Flughafen angekommen aßen wir sämtliche Früchte, die wir übrig hatten, bevor wir die Security erreichten.
Außerdem kaufte ich im Duty Free-Bereich ein neues Kabel zum Laden meines Tablets, da ich das originale in Neuseeland vergessen habe.
Nachdem wir gefühlt 500 Sicherheitsschleußen durchquert hatten, fiel schon mal ein was sehr deutlich auf: Die Menschen hier sind übermegawahnsinnigoberfreundlich.
Ich schwätzelte mit sämtlichen Securitymitarbeitern, man fragte mich sehr oft, ob ich Essen dabei habe.
„No German Sausage?“ Höhöhöhö
Beim Durchleuchten fiel den Mitarbeitern dann ein Marmeladenglas in meinem Rucksack auf.
Der nette Herr fragte ob es industriell abgepackt sei. Ich sagte, es sei selbstgemachte Kiwikonfitüre.
„Hmmmm, dann zeig mal her!“ Ich packte brav das Marmeladenglas aus (eigentlich war es ein Kapernglas) und er sagte: „Ach perfekt, dass nennen wir hier industriell abgepackt, viel Spaß in Australien!“
Und so passierten wir australischen Grund und Boden.

Wir hatten nicht wirklich einen Plan, keinen Schlafplatz für die erste Nacht gebucht oder ne Fahrgelegenheit irgendwo eruiert.
Wir duschten erstmal in aller Ruhe, begaben uns in die Wifi-Zone und begannen ein wenig im Internet rumzuwuseln.
Dabei fiel mir auf, dass das erworbene Kabel mit meinem Tablet nicht funktionierte.

Hmmm, Umtausch in der Duty Free-Zone!? Das kann heiter werden…

Wir begaben uns in den Abflugbereich, denn eine Website verriet uns, dass es dort wohl halbwegs bequeme Sofas geben sollte, auf denen wir planten die Nacht zu verbringen.
Wir versuchten ein wenig zu schlafen, was nicht wirklich gelang.
Gegen 5 erwachten wir aus dem Wachsein und ich dachte mir, ich versuche mal das Kabel umzutauschen.
Ich ging zur Information und fragte, was man denn machen könne, mir wurde ein Telefonhörer ans Ohr gehalten und ich wurde mit einem Mitarbeiter „von drüben“ verbunden.
Dort schilderte ich mein Problem.
Er kam rüber zu mir, checkte das Kabel, ging rüber auf die andere Seite, brachte ein neues Kabel, checkte dies, ging wieder rüber und besprach was mit seinem Boss, kam wieder zu mir und meinte, er könne das Geld überweisen, ich sagte ihm, ich habe kein Konto, er ging also wieder rüber, sprach erneut mit seinem Chef, kam dann wieder zu mir und gab mir das Bargeld zurück.
Und das 5 Uhr morgens.
Er tat mir ein wenig leid.
Jedoch war er auch megasuperfreundlich, gab mir noch ein paar Tipps auf den Weg und verschwand darauf hin wieder hinter der Securitygrenze.

Ich versuchte dann meinen Rucksack ein wenig umzupacken, der derzeit wohl um die 30 Kilo wiegen dürfte.
Danach recherchierten wir, wo wir die erst Nacht verbringen könnten.
Mit Erschrecken stellten wir fest, dass hier alles doch recht teuer ist.

Wir schrieben ein paar Übernachtungsmöglichkeiten an und am Ende sagte uns dann ein Australier zu, den wir via Couchsurfing fanden.
Er bot uns sogar an, uns nach seinem Feierabend vom Flughafen abzuholen.
Währenddessen versuchte ich in vier weiteren Läden ein Kabel für mein Tablet zu finden, jedoch ohne Erfolg.

Später holte uns also der Australier ab.
Djuka ist sein Name.
Er ist Mitte 40, würde ich denken, Lastwagenfahrer, dick, grummelig und hat einen langen ZZ Top-Bart.
Er ist die menschgewordene Grumpy Cat, würde ich meinen.

29.07.2016 | 22:05

(Sitze wieder im Zug… Rückweg…)

Djuka schafft es, für jede noch so positive Aussage eine negative Formulierung zu finden.
Witzig ist, dass er ein Shampoo für seinen Bart verwendet, welches diesen rosa färbt.

Wir redeten auf der Fahrt nicht wirklich viel, er sprach über Europa und Bomben und meinte, dass er in Brisbane zum Glück sicher sei, merkte jedoch an, dass auch bald in Australien die Verrückten Anschläge machen werden, wenn dann aber in Melbourne oder Sydney.

In seinem Heim angekommen, gab uns Djuka eine kurze Einweisung.
Zwei Regeln gibt es: Nicht das Licht anlassen, wenn es nicht gebraucht wird und keine halbe Stunde duschen.
Duschen? Halbe Stunde!?
So viel Duschzeit krieg ich für das letzte halbe Jahr nicht zusammen 😀
Nachdem wir unsere Siebensachen (ach, ich wünschte, es wären wirklich nur sieben) abgeworfen hatten, machten wir uns auch schon auf, die Gegend zu erkunden. Was bedeutete, dass wir uns die Mall der Nachbarschaft ansahen und ein paar Sachen zum Kochen kauften.
Naja, ne richtige Mall war das nicht. Sie war recht klein, eher ne Small.
Wie auch immer, viele Leute da, wir kauften ein wenig Zeug ein, stellten fest, dass sämtliche Geschäfte mit hellem Licht und augenkrebserregenden Signalfarben ausgestattet sind und machten uns zurück in Djukas Wohnung.
Wir kochten, während er in den Fernseher starrte.
Es lief Mash.
Puh, eine Serie, die ich aus meiner Kindheit kannte, sogleich startete ich ein wenig ungefährlichen Seriensmalltalk, der recht schnell durch Djukas mangelndem Interesse an einem Gespräch und erhöhtem Interesse an der Serie abgewürgt wurde.
Nun denn. Essen fertig, Djuka an den Esstisch gelockt und gegessen.
Auch wenn Djuka den Platz mit dem Rücken zum Fernseher abbekommen hatte, war dieser doch auch während des Essens sein fokusierter Punkt.
Wieder versuchte ich es mit Smalltalk, machte ein paar Witze, keine emotionale Regung.
Im Fernseher passierte was lustiges, Djuka lachte.
Hmmmm.

Am nächsten Morgen machten wir uns in die Innenstadt.
Wir hatten einen netten Plausch mit dem Mann vom Zugtickethäuschen und fuhren 50 Minuten mit der Bahn.
Es war heißt.
23° Celsius.
Die nennen das „Winter“.
(Oh cool, ich muss ein Foto machen, mit kurzen Klamotten und diesen Satz drunterschreiben, und auf Facebook posten um mein Social Media-Ego zu pushen).

Viel passierte eigentlich nicht.
Ich war beeindruckt von den Wolkenkratzern (Brisbane ist mit über 2 Millionen Einwohnern nach Sydney und Melbourne die drittgrößte Stadt Australiens) und wir gingen ein wenig shoppen.
Mir fiel recht schnell auf: die Stadt gefällt mir.
Überall herrscht Leben und buntes treiben, die Menschen scheinen alle sehr nett.
Und wir fanden ein veganen Imbiss, aßen dort gut unter anderem einen Black Forest Cherry Cake und nachdem wir megaspät dranwaren, weil wir bummelten, entschlossen wir, eine Craft Beer Bar heimzusuchen.
Diese erwies sich als richtiger Glücksgriff.
Ich schnackte lang mit der Cheffin und fachsimpelte über Bier, dies sah meine Sea Shepherd-Strickjacke (ja, ich weiß, das heißt „Hoodie“) und lud mich zu einer Auktion zugunsten von Sea Shepherd ein, welche am Samstag stattfinden soll.
Dabei wird auschließlich Bier von Garage Projekt verkauft, einer mir allzu bekannten Brauerei aus dem lieben Wellington (NZ).
Später entdeckten wir, dass die auch vegane Pizza haben.
Hach.
Ein Träumchen.
Nach einem Doppel India Pale Ale noch eine Salz und Pfeffer-Gose genossen und dann leicht beschwippst zum Zug gegangen.
Auf dem Weg vom Bahnhof zur Wohnung machten wir einen kleinen Umweg zum nahegelegenen Supermarkt.
Es war gegen 1, er hatte schon zu.
Interessant war aber, dass er eine Mülltonne hinter dem Gebäude frei stehen hat.
Also hin, und ein leckeres Ciabatta ergattert, um zu schauen, wie die Überwachungslage aussieht.
Hat perfekt geklappt, wir hatten ein Frühstück und wir wissen, beim nächsten Mal können wir einen genaueren Blick wagen.

Wir schlichen uns in die Wohnung, und flüsterten, um Djuka nicht zu wecken.
Der war aber noch war und kam aus seinem Zimmer.
Léa flüsterte weiter, er (nur in Unterhosen, die halb von seinem Bauch verdeckt wurden, dastehend), fragte, warum sie denn flüsterte.
Hmmmm… Um Djuka nicht zu wecken. Höhö.
(Also das war lustig, wenn man dabei war, ehrlich!)
Wir machten uns in die Koje, wachten heute morgen auf und begaben uns wieder in die Innenstadt.

30.07.2016 | 22:07

Ich sitze am Esstisch unserer Couchsurfwohnung.
Djuka kam soeben von der Geburtstagsfeier seines Neffen zurück und lässt sich nun vom Fernseher berieseln. Es läuft ein Western.

Einige Cowboys nuscheln sich in einem Saloon grimmig gegenseitig an. Einer wurde wütend, unterbrach sein Kartenspiel, sprang vom Tisch auf und wurde von einem anderen erschossen, der nun im Gefängnis sitzt.

Léa schläft bereits.
Eigentlich wollten wir heute feiern gehen, aber wir waren so kaputt, dass daraus nichts wurde, obwohl ich mich jetzt grad echt fit fühle.

Kommen wir wieder zurück zu dem gestrig erlebten.
Was generell nicht so spannend ist.
Wir fuhren mit dem Zug zu einem ehemaligen Expogelände und besuchten zunächst den botanischen Garten.
Hierbei fiel etwas sehr deutlich auf: die wahnsinnig schöne und vielfältige Pracht der Vögel, die durch die Gegend stolzieren oder flattern.
Neuseelands gefiedertes Artenreichtum war schon sehr beeindruckend, nun zeigt Australien, das Geflügel durchaus hübscher sein kann, als in Plastikfolie verpackt in der Gefriertruhe liegend.

Wir schlenderten also durch die Gegend, aßen ein Eis und gingen dann zum ehemaligen Expogelände.
Viel Menschen waren dort, es war wohl eine fancy Gegend.
Ein kostenloser und sehr nett aussehender Pool wurde am Ufer des Flusses angelegt.
Jeder, der wollte, konnte darin baden.
Es gab jede Menge Bars, die auch gut besucht waren.
Wir schritten jedoch einfach hindurch, wir wollten nicht zu viel Geld ausgeben.
Am Ausgang vernahm ich schon von weitem die Klänge von live gespielten Gypsy Jazz.
Es klang live und so folgten wir meinem scheinbar doch noch ein wenig funktionierendem Gehör.
Ein Straßenmusikant hatte sich an einem sonnigen Plätzchen niedergelassen, einen kleinen Verstärker aufgebaut über den ein wenig gitarreske Gypsy-Jazz-Begleitung lief und solierte mit seiner elektrisch verstärkten Konzertgitarre in bester Django Reinhardt-Manier, darüber.

Wir waren eigentlich in Eile für Léa ein Reisetagebuch zu finden, dennoch ließen wir uns für einige Zeit nieder, lauschten der Musik und beobachteten die Umgebung.
Es war nicht solch ein magischer Moment, wie der, den ich mit Andy erlebte, als wir uns in Arles auf einem ausgetrockneten Brunnen setzten, ein Trompetenspieler die akustische Atmosphäre verzückte und sogar ein paar Menschen dazu tanzten.
Dennoch ist es schön, wie einen Straßenmusikanten doch entschleunigen können, wenn man sich denn drauf einlässt.

Der Musikant hatte kurzes dunkles Haar, trug eine rot spiegelnde Sonnenbrille und einen prägnanten Ohrring am rechten Ohr. Mit seinen Lederstiefletten stampfte er im Takt.

Die meisten Leute ignorierten ihn und liefen einfach vorbei, ohne Kenntnis von ihm zu nehmen.
Ich würde sogar behaupten, dass ihn einige bewusst nicht anschauten um Augenkontakt unbedingt zu vermeiden.
Einige Asiaten filmten ihn sehr lange und ausgiebig, drangen mit ihrer Kamera teilweise stark in seinen Individualbereich ein aber gaben alle keinen Cent.
Das störte ihn jedoch nicht, er hatte sichtlich Spaß und sein Publikum: Mich, Léa und vier Renter hinter uns.
Am Ende spielte er dann sogar Djangos Minor Swing.
Ich leerte das Münzenfach meines Portemonnaies über seiner Gitarrentasche und wir gingen weiter.
In der beliebtesten Straße der Stadt, der Queensstreet, wurde eine Bühne aufgebaut und eine Surf-Band spielte dort.
Musikalisch astrein, das muss man sagen, jedoch sahen die vier Kerle so aus, als würden sie sich gegenseitig nicht leiden können, das Publikum nicht leiden können, die Höhe ihrer Gage nicht leiden können und generell als hätten sie soeben bemerkt, dass es wohl mit ihrer großartigen Rockstarkarriere wohl nichts mehr werden würde und sie anzweifeln, dass ihr Kinder wirklich von ihnen sind.

Nichtsdestotrotz ist es sehr angenehm, dass überall in der Stadt leben herrscht.
Im Gegensatz zu den meisten neuseelandischen Städten habe ich hier das Gefühl, das Brisbane nicht nur eine zu groß geratene Siedlung ist, sondern eine Stadt, in der Einwohnerzahl und Kultur gleichermaßen gewachsen sind.
Ich merke doch sehr, wie sehr mich Großstädte in ihren Bann ziehen können, wenn der kulturelle Puls auf mich übergreift.

Léa und ich machten nicht mehr viel. Wir kauften ihr eine Kamera und ein Reisetagebuch, aßen vegan (wuhuuuuuu) und machten uns dann Heim.
Leider erwischten wir den falschen Zug, der an unserer Haltestelle nicht hielt, sondern zwei dahinter.
So mussten wir auf den nächsten Zug aus der Gegenrichtung warten, der uns wieder zurückbringen sollte.
An der Bahnhofshaltestelle (ich verwende dieses Wort, da es zu groß für eine Haltestelle und zu klein für einen Bahnhof war) kamen wir mit zwei jungen Menschen (ich komme mir alt vor, wenn ich das schreibe) ins Gespräch.
Wir plauderten ein wenig Smalltalk und sie sagten, sie kämen aus Neuseeland.
Ich meinte, wir hätten zuletzt in Opotiki gearbeitet und da passierte es schon wieder: Der Kerl lobte mich für die ausgezeichnete Aussprache dieses Ortsnamens.
Wuhuhuuuuuuuuu!!!
Das ging runter wie Öl.

Daheim dann angekommen, haben wir noch drei Worte mit Djuka gewechselt und dann ging es in die Koje.

Heute war dann Orgatag.
Am Morgen Wäsche gewaschen, dann ging es in die Bibliothek.
Wir haben versucht ein wenig die nächsten Tage zu planen.
Die ein oder andere Herausforderung zeigt sich.
Der Plan ist hier durch die Gegend zu trampen, dummer Weise ist das hier in Queensland (das ist der nordöstliche Distrikt Australiens) verboten.
Außerdem sagten uns einige, dass es hier schwer werden könnte, weil niemand daran gewohnt ist.
Naja, wir werden es dennoch versuchen.
Morgen ziehen wir wahrscheinlich weiter.

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