Die Hood

Eine halbe Stunde waren wir auf dem Zimmer, haben geduscht, uns neue Klamotten übergeworfen und sind dann losgestiefelt.
An der Rezeption fragten wir nach einem Geldautomaten und Restaurants.
Der Rezeptionist erklärte nett wo wir was finden, sagte, dass vegetarisches Essen schwer werden würde und meinte, wir sollten auf keinen Fall bei Dunkelheit in dieser Gegend Geld abheben.
Mkay…

Wir sind losgezogen, so gegen 20 Uhr.
Die meisten Läden und Restaurants hatten bereits ihre Metallrollos nach unten gezogen, nicht mehr viel hatte geöffnet.
Die Gegend ist flach bebaut und wirkte auf mich sehr amerikanisch (zumindest, wenn ich Videospielen und Filmen glauben schenken darf, wie es in einigen Ami-Ecken aussieht).
Es sieht aus wie eine moderne dicht bebaute Westernstadt, die Häuser haben alle sehr strange Fassaden und dahinter scheint nicht mehr viel zu kommen.
Wir kamen an einer Bar vorbei und schauten rein. Karaoke und Billard gab es da.
Ca. 100 m² war sie groß. Darin: Eine Gruppe von Asiaten, die scheinbar ihren Spaß hatten.
An der Eingangstür hing ein Zettel: „Hier wird kein Alkohol an unter Drogen stehende Personen ausgeschänkt“.
Mkay…

Weitergegangen, was zu Essen gesucht.
Das was noch offen hatte, hat nur Fleisch verkauft. Ein Inder war meine Hoffnung.
Doch die Antiästhetik dieses Ladens (stellt euch einen Schleckermarkt vor, der komplett leergeräumt und dann mit einer Hand voll Korbtischen- und Stühlen „eingerichtet“ wurde) und die Tatsache, dass man nicht wusste, ob dieser Laden geöffnet hat oder nicht, verleiteten uns zum Weitergehen.
Schlechte Idee. Es gab nichts.
Naja, auf dieser einen Straße, die halbwegs vernünftig ausgeleuchtet war, geben sich Subway, KFC, Mc Donald’s und Burger King die Klinke in die Hand.
Verzweifelt und nach Essen ringend sind wir also ins Burger King marschiert.
Wir verließen es nach einer Minute, mit der Erkenntnis, ich hätte dort nur Pommes essen können.
Viele hungrig-verzweifelnde Minuten später, ohne etwas zu finden, was einem hätte Nahrung verschaffen können, sind wir dann in das (ich traue mir es kaum, das zu sagen) beliebte amerikanische Familienrestaurant mit dem gelben „M“ eingekehrt.
Was es da für mich zu essen gab? Pommes…

Nach dem vorzüglichen Mahl und dem gegenseitigen Abkommen, dass wir, egal was passiert, während dieses Trips nie wieder eine Filiale des Teufels aufsuchen werden, sind wir dann noch in einem Liquor Shop gelandet.
Alkohol kriegt man in Neuseeland scheinbar nur in solchen speziellen Läden.
Nachdem der nette Verkäufer einen laut rumpöbelnden Typen, von dem er mit vielen Kraftausdrücken beschimpft wurde, vertrieben hatte, kamen wir dann dran.
Nachdem wir äußerten, uns dürste es nach Bier, hat er uns (nach dem Vorzeigen unserer Reisepässe) tolle Sachen angeboten. Bier wird hier wohl nicht nach Geschmack sondern nach % bewertet. Nachdem wir das 19 %-ige Bier abgelehnt haben (obwohl er meinte, man könnte danach gut schlafen) haben wir ein mildes bekommen. Hatte auch nur 7,2 %. Und schmeckte wie Pisse.
Naja, immerhin gekühlte Pisse.
Der Verkäufer war jedenfalls sehr nett. Er fragte uns ob wir neu hier in der Gegend seien, wir sagten „ja“.
Er meinte, wir sollten das auf keinen Fall nach außen tragen, mit niemanden auf der Straße reden und niemalsnie hier irgendjemandem vertrauen.
Mkay…

Zügig zum Motel zurückgelaufen (an der Karaokebar vorbei, in der sicher immer noch die Asiaten amüsierten) haben wir es uns dann auf dem Zimmer gemütlich gemacht. Ich hatte Hunger.
Das Bier stillte ihn ein wenig.
Nach ein wenig schauen des neuseeländischen Fernsehens (schon jetzt mein Werbeliebling: Der „Mad Butcher“) schliefen wir dann gegen Mitternacht auch relativ schnell ein.

Krass. Ungeheuer intensive Träume verfolgten mich in dieser Nacht. Leider nur Alpträume. Drei Stück an der Zahl.
Mein Unterbewusstsein scheint wohl derzeit sehr aktiv zu arbeiten. Jedes Mal wachte ich ob der Träume mit erhöhtem Puls auf, schlief dann aber auch schnell wieder ein.
Gegen gefühlt 10 Uhr morgens wachte ich auf. Neben mir: Ein Schnarchbulgare.
Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigte mir, dass ich mich ein klein wenig verschätzt hatte.
Es war 17.38 Uhr.
17einhalb Stunden Schlaf? Kann man mal machen!

Die Tagespläne (Steuernummer beantragen und Essen finden) wurden also reduziert.
Auf: Essen finden.
Auch bei hochgezogenen Rollos keine so leichte Aufgabe.
Wir liefen also bis ans gefühlte Ende der Gegend, fanden eine Menge Tristesse, einen Bahnhof, der ein super Setting für einen Gruselfilm abgeben würde (mein Titelvorschlag: „Painstation“ oder auf deutsch: „Der gruselige Bahnhof“) und eine Schlachtfabrik mit der passenden Firmenbezeichnung „Countdown“

Nach einigem Hin- und Herlaufen fanden wir dann durch Zufall in einer Seitengasse (in die wir uns einfach mal getraut haben) einen netten kleinen Lebensmittelladen, der gerade am Schließen war.
Nett nachgefragt, ließ uns die offensichtlich immigrierte Eigentümerfamilie hinein. Wir kauften Baked Beans (die internationale vegane Lebensmittelrettung), Cracker einen Saft und Erdnüsse. Mehr verwertbare Lebensmittel gab’s für uns dort leider auch nicht.
Nach einem kurzen Plausch (ich liebe die Redementalität der Leute hier jetzt schon sehr), schenkten sie uns noch eine Tafel Schokolade als Willkommensgeschenk (Mhmmmmmm, Vollmilch) und rieten uns, diesen Stadtteil doch dann eher zeitnah zu verlassen.
Mkay…

Gegenüber ein Subway. „Scheiß drauf, da gibt’s immerhin Brot mit Salat“, dachte ich mir und los ging’s.
Auch der dortige Typ war meganett. Er sprach uns dauernd mit „Brother“ an, er scheint wohl mehr zu wissen, als mein Weggefährte und ich, wir müssen noch mal mit unseren Eltern reden.
Und er erfüllte uns unsere kulinarischen Wünsche, wie er konnte.
Als wir ihm auf Nachfrage erzählten, dass wir aus Deutschland kommen, fiel ihm als erstes ein, dass dies doch das Land sei, wohin die Flüchtlinge alle wollen. Wir bestätigten dies.
Und es begann zu brodeln in meinem Kopf.
Je mehr ich darüber nachdenke (und daher ist es gute, dass ich meinen ganzen Scheiß hier niederschreibe) ist das wohl zur Zeit das edelste, was man über unser Herkunftsland sagen kann.
Nichts über Fußball. Auch kein Wort darüber, dass Deutschland das Land der ehemaligen Nazis ist, auch nicht, dass der gegenwärtigen.
Er meinte nicht, dass er was von PEGIDA oder seinen lokalen Metastasen gehört hätte.
Nein, er meinte, Deutschland muss aus einem bestimmten Grund, den er nicht kenne, toll sein, weil sämtliche Flüchtlinge dort hin wollen.
Vielleicht ist dies eines der schönsten Komplimente, was Deutschland in der Gegenwart empfangen kann.

Im Zimmer angekommen, wurden die belegten Brote innerhalb von Sekunden eingeatmet und dann Skype mit der Geschäftspartnerin ausprobiert. Man muss ja schließlich die Geschäfte am Laufen halten.

Für morgen wird der Wecker gestellt!

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